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Held

  • A. Schmitt
  • 15. Aug. 2020
  • 2 Min. Lesezeit

Heute bin ich Fahrrad gefahren und an einem bestimmten, stattlichen Baum mit starken Ästen - wie schon vielmals vorher - winkend vorbeigefahren….

Ich kannte einen jungen Mann, besser ein Kind, mit dem ich groß geworden bin. Wir wurden zusammen eingeschult, gingen zusammen zum Fußballtraining und wir trafen uns auch nachmittags zum Spielen. Irgendwann merkte ich, dass er stotterte und irgendwie unsicher wirkte und das nahm zu. Ich zog mich zurück und er ich auch. Wir wurden uns fremd. Er fing eine Lehre an, ich ging weiter zur Schule. Eines Tages hörte ich von seinem Scheitern und dass er in seinem Leben nicht gut zurechtkam. So dachten die meisten Menschen, ich auch. Seine Eltern wussten sich voller Angst nicht mehr zu helfen, so brachten sie ihn in eine Klinik. Seine Familie besuchte ihn, sonst wusste niemand so richtig, wie es ihm ging. Eines Abends konnte er unbemerkt aus der Klinik schlüpfen, ging eine Brücke entlang und sprang in einen großen Fluss, dort ertrank er. Er wurde 21 Jahre alt. Viele sagten, er war depressiv und für das Leben ungeeignet und so weich, dass er dem Leben nicht die Stirn bieten konnte.

Es war im Frühjahr und die Sonne schien, als er auf dem kleinen Friedhof, an dessem Eingang eine alte Trauerweide fest und feierlich stand, beerdigt wurde. Es war eine große Trauerfeier. Ich stand irgendwo abseits und verstand nichts und hörte auch nicht zu. Ich sah zu dem Baum hinauf, dort saß er und freute sich seines „Lebens“. „Du bist ganz schön mutig“, dachte ich und lächelte. Noch heute, wenn ich mit dem Fahrrad an der Trauerweide vorbeifahre, sitzt er manchmal auf einem ihrer Äste. Er war nie jemand, der viele Worte verlor, aber er war mir immer freundlich gesonnen. Deshalb winkt er mir dann immer zu und ich, ich winke still zurück.

Wie stark und mutig muss man sein, um einen solchen Schritt (Sprung) zu tun, eine solche Entscheidung zu treffen, durchzuführen und sein Leben auf diese Art und Weise in die Hand zu nehmen und zu beenden? Für mich ist er auf seine Art ein Held und ein Vorbild.

 
 
 

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